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Erinnerungen

Meine Volksschulzeit 1948 – 52

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Die folgenden Zeilen werden manche Leser völlig überzogen finden. Sie sind wahr. Ich habe sie selber gesehen, gehört oder erlebt.

Ich bin Jahrgang 1942, geb. in Linz. Bis 1944 lebte ich bei meiner Mutter, mein Vater war im Krieg. Die Wohnung im Stadtteil Urfahr wurde ausgebombt, ich wurde zusammen mit meiner Mutter in einem Kellerabteil verschüttet und erst nach 3 Tagen gefunden. Meine Mutter verkraftete den Stress nicht, erlitt mehrere Nervenzusammenbrüche und musste mich abgeben. Fortan wuchs ich bei verschiedenen Verwandten auf. In Erinnerung geblieben sind mir grauenhafte Bilder von brennenden Häusern in Attnang-Puchheim wo eine Tante wohnte, Fenstern mit violetten Zelluloid-Folien, Ruinen, und von einem russischen Soldaten, der einer Frau mit der MP nachschießt, weil sie in der Straßenbahn sitzen geblieben war, anstatt ihre Identitätskarte vorzuweisen, als sie über die Linzer Donaubrücke fuhr. Es war meine Mutter. Viel mehr weiß aus dieser Zeit nicht.

 1945 kam mein Vater aus dem Krieg aus Jugoslawien zurück und brachte eine neue Frau mit, die zwei Kinder hatte. Sie wurde meine spätere Stiefmutter. Einen Buben gab sie zu ihrer Schwester, den anderen ins Heim. Von da an  war für mich kein Platz mehr, schon gar nicht in Linz. Ich wurde im Jahr 1946 in einen kleinen Ort im Ennstal verbracht, wo meine Großeltern eine bescheidene Schusterwerkstätte hatten. Die meisten Leute lebten dort von der Landwirtschaft und waren bettelarm. Erst der Bau eines Kraftwerkes brachte einige Arbeitsplätze. Das wurde mein Zuhause für die nächsten 10 Jahre. Von meiner Volksschulzeit dort (48 – 52) handelt die Story.

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Bauernkinder in den 40er-Jahren

Meine Großeltern besaßen zwar ein kleines Haus nahe dem Ortszentrum, waren aber alles andere als begütert. Sie verloren fast alle Ersparnisse beim Zwangsumtausch 1947. Dennoch ging es mir  ein wenig besser als anderen Dorfkindern. Ich hatte Kleidung, Essen, Schuhe, ja sogar ein paar Spielsachen. Manchmal kam ein G.I. um sich Schuhe reparieren zu lassen. Es war die Zeit der Besatzung durch Russen und Amerikaner. Mein Opa machte Geschäfte per Tauschhandel. Schuhe für Speck, Schuhe für Schweineschmalz, Schuhe für Butter. Dinge, die sich die Kinder der Bauern oder einfachen Arbeiter nie leisten hätten können. Manche Dienstboten und Mägde hatten 10 Kinder und mehr. In der NS-Zeit wurden sie ermuntert, möglichst viele Kinder zu gebären. Nun fehlten allerorts die Väter. Sie waren entweder gefallen, vermisst oder in russischer Gefangenschaft. Wo jedoch Väter da waren, gingen sie fremd, versoffen oft das letzte Geld der Familie, oder verjubelten es mit Prostituierten.

Oma und Opa erzählten so manches über die NS-Zeit, und ich hörte mit. Gleich hinter ihrem Haus verlief eine wichtige Verbindungsstraße. Auf der trieb man in den letzten Kriegstagen die ungarischen Juden in Richtung Mauthausen und anderer KZs. Meine Großmutter war zutiefst erschüttert über das Elend, das sie mit ansehen musste. Immer wieder legten sich die ausgemergelten Gestalten ins Gras neben der Straße, um es auszurupfen und zu essen. Die SS vertrieb sie. Einmal gelang es einem, zu fliehen und sich im Haus meiner Großeltern zu verstecken. Er bot ihnen einen Diamanten als Geschenk, den er über all die Jahre in seinem After versteckt hatte. Es konnte nicht sein. Die SS suchte bereits mit Hunden, und was mit Ihnen geschehen wäre, hätten sie den armen Mann nicht ausgeliefert, brauche ich nicht zu erzählen.

Nichts zu kaufen, kaum Kleidung, wenig zu essen

 Ich lebte zwei Jahre lang ziemlich isoliert. Kindergarten o. ä. kannte man nicht. Im September 1948 kam ich in die Volksschule, und erstmals wurde ich mit der bitteren Armut der anderen Kinder im Ort konfrontiert, vor allem jener der Bauern und Arbeiter. Ihre Not war unbeschreiblich. Ebenso die der Flüchtlinge in Barackenlager, von denen es einige im Ort gab.  Müsste ich die  Lebensweise der Kinder anhand eines Kataloges aller Ethnien der letzten 150 Jahre bewerten und zuordnen, so würden sie eher in die Nähe der „Feuerland-Indianer“ tendieren denn in die Sphäre der Europäer des 21. Jahrhunderts…

Alles war rationiert. Im Ort war ein sogenannter „Greißler“, wo man mit Lebensmittelkarten ein paar Sachen kaufen konnte, z.B. Hafer- oder Maisbrot, Magermilch, Zigaretten, Laus-Kämme (die waren besonders notwendig!), Kernseife, Schulranzen (trug man wie einen Tornister am Rücken!) sowie Tafel und Griffel für die Schule, später auch Bleistifte, Schulbücher und Hefte, Zeitungen. Gerade die Zeitungen waren wichtig, denn sie ersetzten das nicht vorhandene Klopapier. Wir hatten auch keine Zahnpasten, keine Zahnbürsten, kein Shampoo, kein Mittel zu irgendeiner Hautpflege. Im Prinzip gab es nur das, was man selber oder bei den wenigen Gewerbetreibenden im Ort herstellen, oder privat zum Schwarzmarktpreis erwerben konnte. Für die heutige „Shopping-Gesellschaft“ unvorstellbar. Um etwa zu Textilien zu bekommen, hätte man in eine größere Stadt wie Steyr oder in die „ferne” Landeshauptstadt Linz fahren müssen. Dort gab es sog. „USIA“-Läden  –  ein Vorläufer des späteren „Konsum“. Für eine Magd  eines Bauern mit vielen Kindern unmöglich. Erstens fehlte sie bei der Arbeit. Zweitens hatte sie kein Geld.  Drittens ging man eine Stunde zu Fuß oder fuhr mit dem Pferdefuhrwerk zum Bahnhof. Autos gab es ohnehin kaum. Viertens betrug die Fahrzeit mit dem Zug oft viele Stunden. Und da waren nicht zuletzt die Identitätskontrollen durch die Besatzungsmächte. Auf der Strecke Selzthal – Steyr – St.Valentin – Linz wurden bei der Fahrt entlang an den Demarkationslinien bis zu viermal die Waggontüren aufgerissen und die Ausweise verlangt. Vor allem von den Russen. Ich hatte das als kleiner Bub bei einer solchen Zugfahrt selber erlebt, als ich im Alter von 5 Jahren auf Beschluss meiner Großeltern in Linz „endlich“ katholisch getauft werden sollte. Die Fahrt verlief entlang endloser Lager, Kriegsruinen, ausgebombter Rüstungsbetriebe, und schwarz gestrichener Wohnblöcke der Steyr-Werke. Alle Passagiere  waren ständig in Angst und Panik vor Verhaftungen und Verschleppungen, die alltäglich waren. Ich hatte jahrelang Albträume.

Aus all diesen Gründen war es daher völlig logisch, dass die Kinder nur das an hatten, was deren Mütter in alten Truhen finden oder selber nähen, flicken oder stricken konnten. Man würde solche Sachen heutzutage nicht einmal bei einer Lumpensammlung finden. Die Buben liefen das ganze Jahr über mit kurzen Hosen, zusammengenäht aus billigsten Stoffen. Einige reichten nur bis zum Knie, manche über das Knie, manche bis fast zu den Waden. Aber es waren „kurze Hosen“ und keine Jeans.  Letztere gab es nicht. Einige wenige Buben hatten Lederhosen, ja sogar Kniehosen. Unter den Hosen trugen viele Kinder in der kalten  Jahreszeit  lange Unterhosen. Die wurden vor dem Schuleingang dann oft hoch gestülpt, weil man sich damit schämte. Solche Unterhosen ließen die Füße frei zum Barfußgehen. Heutige „Strumpfhosen“ waren unbekannt; ebenso Unterhemden. Auch die übrige Bekleidung war abenteuerlich. In der warmen Jahreszeit  trugen manche Kinder zur Schule gar keine Hemden, sondern nur die Hosenträger über dem nackten Oberkörper. Das hatte den Vorteil, dass die gestressten  Mütter kaum Wäsche waschen mussten. Für die kalte Jahreszeit hatte man selbstgestrickte Pullover, oder wattierte Westen (sog. „Wams“). Anoraks oder Kindermäntel waren unbekannt. Wer einen sog. „Wetterfleck“ sein eigen nannte, zählte schon zu den Privilegierten…

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Schulkinder unmittelbar nach dem Krieg. Foto aus einem Nachbardorf.

Auch die Mädchen waren nicht besser dran. Fast alle trugen zerschlissene, geflickte Röcke oder Kleider - je nach Jahreszeit mal etwas kürzer oder länger - die notdürftig zurecht geschneidert worden waren. Dazu gab es eine Art „Einheitslook“: Schürze, Kopftuch und Zöpfe. Manche Mädchen hatten einen, die meisten zwei Zöpfe, und die liebste Beschäftigung der Buben war es, sie daran zu ziehen…

Kaum ein Kind hatte genug zu essen. Dazu kam der Vitaminmangel. Einige bekamen daher Rachitis.  Trotzdem war der Gesundheitszustand der Kinder angesichts der Entbehrungen überraschend gut.  Impfungen, ausgenommen gegen Pocken, gab es nicht. Jedes Kind, auch ich selbst, erkrankte im Laufe der Zeit an den üblichen Kinderkrankheiten wie Scharlach, Masern, Röteln, Mumps u. dgl.  Alle hatten problemlos überlebt. Ich kannte auch kein Kind, das jemals an Krebs, Leukämie, einer Autoimmun-Erkrankung oder einer schweren Allergie erkrankt wäre. Zahnarzt gab es keinen. Ein sogenannter „Bader“ zog hin und wieder Zähne. Mit abenteuerlichem Werkzeug. Als ich 1948 in die Volksschule eintrat, gab es zu Mittag eine sogenannte „Schülerausspeisung“ der Unicef-Hungerhilfe. Die war Pflicht. Jeder musste sie essen,  selbst wenn ihm noch so sehr grauste. Zu essen gab es meist eine maden-durchsetzte Erbsensuppe aus russischen Lieferungen. Mit Schaudern erinnere ich mich daran, wie ich diese Suppe kotzte und immer wieder aufs Neue eingeschenkt bekam. Dabei ging es mir noch besser als mein Stiefbruder, der zur selben Zeit in einem Heim aufwuchs. Er musste das Gekotzte immer wieder aufessen…

Eineinhalb Stunden barfuß bei Schnee zur Schule

Ein zentrales Kennzeichen nahezu aller Kinder der damaligen Zeit waren die fehlenden Schuhe. Sie waren schlicht und einfach nicht leistbar. Erst ab den 50ern gab es billige Gummistiefel für Kinder zu kaufen. Wenn man alte Schulfotos ansieht, sticht es sofort ins Auge: Der Lehrer als Einziger in der Klasse mit schweren Schuhen, sog. „Goiserern“; die Kinder allesamt barfuß. Für viele Menschen heute ist es unfassbar. Dasselbe Bild bot sich im gesamten Leben des Dorfes, nahezu zu jeder Jahreszeit: Erwachsene mit Hüten und  Wintermänteln im Spätherbst, daneben barfuß laufende Kinder. Das war damals normal, niemand dachte sich was dabei. Das Barfußlaufen wurde auch von der Schule gefördert, es diente der gesunden Abhärtung. Wer nicht barfuß lief, wurde gemobbt, er blieb Außenseiter. In einem Gesundheitsbuch, das meine Oma aufbewahrte, hieß es: „Kinder, wenn sie größer werden, IMMER barfuß nach draußen. Das ist gesund, macht frische Lungen und gutes Lernen. Schneeluft ist die reinste Luft. Die Kinder daher im Winter nicht zurück halten…“

Was in den Ferien in der warmen Jahreszeit kein Problem war, brachte die besorgten Mütter im herannahenden Winter zur Verzweiflung. Denn damals gab es noch keinen Klimawandel. Bereits im September, kurz nach Schulbeginn im Herbst, begann die Zeit des täglichen Morgenfrostes. Die Wiesen waren bald übersät mit Raureif. Tagsüber konnte es auch noch im Oktober oder November ziemlich warm werden, doch nachts sanken die Temperaturen sehr tief ab. Dieser Temperaturunterschied war viel größer als heute. Wenn die Kinder früh morgens, oft noch bei Dunkelheit, ihre schweren unförmigen, an militärische Tornister erinnernden „Schulranzen“ auf den Rücken luden und zur Schule gingen, hatte es manchmal minus 10 Grad und mehr. Und sie waren barfuß. Die Schulwege waren lang, bis zu eineinhalb Stunden. Die Straßen waren ausnahmslos geschottert mit spitzem Kalksplitt. Natürlich existierte damals auch kein „Schulbus“. Höchstens kam ab und zu mal ein Pferdefuhrwerk, das die Kinder mitnahm. Nach der Schule musste man sofort wieder heim, die Kinder wurden gebraucht in der Landwirtschaft. Da gab es keine Zeit zum Spielen. Mit besser situierten Dorfkindern schon gar nicht. Das war eine Welt für sich.

Den meisten Buben machte das Barfußlaufen nichts aus, denn man bekam dabei Füße wie aus Hartgummi und konnte so am besten „schlieferzen“ (das Wort ist heute völlig unbekannt). Das war damals der einzige Wintersport außer Rodeln. (Skifahren war für uns Kinder Ende der 40er ein Sport aus einer fremden Welt). Für unkundige Zeitgenossen: „Schlieferzen“ bedeutet im Wesentlichen das wintersportliche Pendant zum Barfuß-Wasserski. Es dürfte überhaupt der älteste „Wintersportart“ sein. Schuhe eignen sich dafür nicht gut, außer sie wären völlig glatt. Man gleitet auf einer glatten  Gras-, Holz-, Eis- oder Schneefläche auf den Füßen, am besten auf Raureif, bis man ausrutscht und auf den Hosenboden knallt. Manche Buben konnten das bergab über dutzende Meter mit hohem Tempo. Um die Richtung zu wechseln, musste man das Umspringen mit neuem Anlauf beherrschen. Wurden die Füße von der Kälte gefühllos, konnte man anschließend kilometerweise auf den Schotterstraßen weiterlaufen, ohne was zu spüren, sodass die Steine nur so flogen.  Nach dem Eintritt in die Schule glühten die Füße in allen Farben. Das machte großen Spaß. Es war „megacool“, würde man heute sagen.

Aber nicht allen Kindern tat das lange Barfußlaufen auf solchem Untergrund gut. Man musste nämlich vorher daran erst gewöhnt werden. Kinder, die längere Zeit Schuhe an hatten, oder vorher noch gar nie ohne Schuhe gelaufen waren, bekamen Blasen und bluteten dann an den Zehen oder an den Fußsohlen. Die Schmerzen wurden bald unerträglich, und es gab  Tränen und Klagen. Da kannten die Eltern keinen Pardon. Für Wehleidigkeit hatte die damalige Gesellschaft kein Verständnis. Denn es war eine Existenzfrage, das harte Leben auch ohne Schuhe bewältigen zu können, wenn man aus ihnen herauswuchs. Falls sie weiterhin unerschwinglich blieben, hätte man ja nicht einmal eine Schule besuchen können. Diese extremen Entbehrungen und Umstände brachten einen Menschentyp hervor, der Österreich aus dem Stadium eines ruinierten Entwicklungslandes wie Kambodscha binnen drei Jahrzehnten in die industrielle Weltspitze hievte.

Das Ennstal ist im Vergleich zum Mühl- oder Waldviertel, oder den zentralen alpinen Regionen, klimatisch begünstigt. Daher gab es selten extremen Frost. Dennoch lag in den Monaten Dezember, Jänner und Februar eine durchgehende Schneedecke von 20 – 30 cm. Eine Schneeräumung im heutigen Sinn existierte nicht. Die Pferdefuhrwerke gruben tiefe Rinnen in die Straßen und Wege, was den Schulweg zusätzlich erschwerte. Also tat man alles Mögliche, um die Kinder vor dem Waten im Schnee zu schützen. Man fertigte wollene Patschen, oder auch sog. „Trittlinge“ (Holzpantoffel mit aufgenageltem Oberteil), dazu gab es gestrickte Wollsocken. Manche versuchten es auch mit alten, viel zu großen Stiefeletten der Tante.  Alle diese Fußbekleidungen waren jedoch für einen langen Marsch ungeeignet. Sie waren im Nu nass oder voller Schnee. Man zog sie aus, wenn es niemand sah, und erst wieder an, wenn man in die Nähe der Kirche oder der Schule kam. Interessant ist aber, dass ich nie ein Kind kannte, das sich dadurch Erfrierungen zugezogen hatte. Im Gegenteil, jene Kinder, die am längsten ohne Schuhe liefen, waren am kräftigsten und gesündesten.

Weitaus mehr Probleme als die Buben hatten die Mädchen mit dem Barfußlaufen. Denn eine Hose oder gar Bluejeans zu tragen, was heutzutage Selbstverständlichkeit ist,  wäre damals verpönt gewesen. Ein solches Mädchen wäre von den Lehrkräften gemaßregelt worden, und man hätte seine Eltern geholt. Unter den Kleidern oder Röcken hatten die Mädchen außer einem Unterrock nichts an. Das beflügelte die Phantasie vieler Buben, die den Mädchen in den Schulpausen unter die Röcke griffen und in die Oberschenkel kneiften. Man kannte weder Jeans, noch Nylons, noch Leggins, noch Slips noch T-Shirts. Es gab nichts. Nur die Über-Bekleidung, die im Winter meist aus einer selbst gestrickten Weste oder Jacke aus dicker Schafwolle und einer Mütze bestand. Dennoch klagten die Mädchen selten. Sie versuchten die Buben durch besondere Tapferkeit zu beeindrucken, ja sogar zu übertreffen…

Besonders schwierig war es für größere Mädchen, wenn sie die erste Regelblutung bekamen. In meiner damaligen Schulzeit gab es  in der 4. Klasse Volksschule auch 14- und 15-jährige. So oft man nämlich mit dem Lehrstoff nicht Schritt halten konnte, blieb man sitzen.  Maximal bis zum 18. Lebensjahr, dann war Verabschiedung in die Berufswelt (meist als Magd zu den Bauern). Die großen Mädchen waren übrigens genau so arm gekleidet wie ihre kleinen Schulkolleginnen. Da gab es kaum einen Unterschied. Sie waren auch weitaus kindlicher und naiver als heutige Mädchen in ihrem Alter.

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Eine andere Schulklasse um 1952, als sich die Lebensverhältnisse bereits  etwas besserten.

Meine Schwiegermutter, die ebenfalls in extremer Armut in der Landwirtschaft aufwuchs und erst mit 16 ihr erstes  Paar Schuhe bekam, erzählte von einem Ereignis in ihrer Schulzeit. Eine ebenfalls barfüßige Schulkollegin, das die Regelblutung bekam, erkrankte durch irgendeine Infektion an Gehirnhautentzündung und starb.  Antibiotika gab es ja damals nicht. Daraufhin bekam es meine Schwiegermutter mit der Panik zu tun, als bei ihr die Blutung einsetzte. Sie lieh sich von ihrer älteren, bereits berufstätigen Schwester alte Schuhe aus, die ihr um 3 Nummern zu groß waren, und stapfte damit im Schnee zur Schule. Daraufhin wurde sie von ihrem Religionslehrer(!) bestraft und musste zur Abschreckung eine ganze Stunde lang weinend vor der Klasse stehen…!

Strenge Lehrer, strenge Benotung, verbotene Spiele

Anzumerken ist, dass es sadistische Schikanen, wie zuvor beschrieben, in unserer Schule nicht gegeben hat. Es gab zwar Prügelstrafen und Knien auf Holzscheiten, aber äußerst selten. Wir waren ab der ersten Klasse Volksschule bis zu 45(!) Kinder in einem Raum, der im Winter, wenn Kohle kam,  mit einem Kohleofen geheizt wurde. Drinnen uralte Tische und Holzbänke, Frontalunterricht. Schule war von 8 Uhr bis 2 Uhr nachmittags, auch am Samstag. In der Mittagspause gab es grauenhafte Unicef-Verpflegung, von der ich schon erzählte. Wer im Unterricht schwätzte oder negativ auffiel, musste nachsitzen. Wenn es sein musste, auch drei Stunden lang. Ohne dass die Eltern Bescheid wussten warum das Kind nicht nach Hause kam. (Telefon gab es ja keines!).

Wir begannen noch mit Griffeln auf Schiefertafeln zu schreiben. Später gab es auch schon die ersten Hefte und Bleistifte. Wir mussten innerhalb eines Jahres(!) zwei verschiedene Schriftarten erlernen: Kurrent und Lateinschrift. Und zwar in Schreibschrift, genannt „Schönschrift“. Wenn ich mir das heutige Großbuchstaben-Gekritzel von Schülern ansehe, die bereits in die 2. Klasse gehen, wird mir übel. Es hätte Nicht Genügend geregnet.

Intensiven Unterricht gab es auch im  Rechnen. Bis Ende des ersten  Schuljahres musste man anstandslos addieren und subtrahieren können und das kleine Einmaleins beherrschen. Großer Wert wurde auf Auswendiglernen, Disziplin und Aufmerksamkeit gelegt. Nicht aufpassende Schüler wurden bestraft. Manchmal auch mit dem Rohrstaberl.

Die Lehrkräfte sprachen niemals ein Kind mit dem Vornamen an. Es hieß. „Mayer! Aufstehen!“, oder „Mühldorfer! Warum hast du deine Hausaufgaben nicht gemacht?“. Die Gewohnheit, die Kinder nur mit dem Familiennamen anzusprechen, übertrug sich auch auf die Schüler selbst. Man rief den Ernst Mühleder „Mühli“, oder die Anna Steindorfer „Steini“ –  aber niemals Ernst oder Anna. Die Vornamen benutzten nur die echten Freunde oder die Geschwister untereinander.

Es gab ab dem ersten Schuljahr sowohl Semester- als auch Jahreszeugnisse. Die Benotung war streng. Wer eine sog. „Betragensnote“ erhielt (d.h. alles andere als ein „Sehr Gut“) war für den Rest der Schulzeit gezeichnet. Er galt als Flegel und stand fortan praktisch „unter Beobachtung“. Dazu genügte es, die Schule z.B. wegen Schlechtwetter, Erkältung, oder Arbeit in der Landwirtschaft einige Tage zu schwänzen. Das geschah oft. Viele Bauernkinder kamen deswegen auch mit dem Lehrstoff nicht mit. Sie schrieben keine Hausübungen, passten  wegen Müdigkeit nicht auf, oder versagten bei den Schularbeiten. Da regnete es Fünfer. Hatte man im Jahreszeugnis ein Nicht Genügend, galt es die Klasse zu wiederholen. So war es kein Wunder, dass sich in der vierten Klasse der Volksschule bereits 13, 14- oder gar 16-jährige Buben und Mädchen tummelten.

Hinter dem Schulgebäude gab es einen kleinen Sportplatz, der mit spitzem Kalksplitt(!) bestreut war. Darauf mussten wir laufen, turnen oder Ball spielen, wenn „Leibesübung“ angesagt war. Vorzugsweise wurde Völkerball und „Raufball“ gespielt, eine deutsche Abart des Rugby. Wer das Barfußlaufen nicht gewohnt war und sich zierte, erhielt eine schlechte Note im Turnen. Wir durften alle Klamotten anbehalten. Sehr zum Leidwesen der Eltern, die mit dem Waschen der verschmutzten Kleidung nicht nachkamen. Der Grund war einfach. Es gab  weder Unterhosen noch Sporthosen noch Trikots noch T-Shirts. Da hatte es mein Stiefbruder als Heimkind etwas leichter. Er bekam eine sog. „Klothose“ vom Heim. Dafür musste er aber damit Sommer und Winter raus zum Spielen; ohne sonstige Kleidung..!

Die ständige Konfrontation mit Schmutz war ein großes Problem für die Schüler. Denn in den Haushalten gab es wenig Hilfe dagegen. Es existierten zwar Waschküchen, aber weder Waschmaschinen, noch Wäscheschleudern, noch Waschmittel außer Kernseife. Es gab auch keine Waschmuscheln; höchstens den sogenannten „Grander“ (ein ummauertes Becken in der Waschküche oder im Hinterhof). Von Bädern oder Duschen ganz zu schweigen. Es gab auch keinerlei Möglichkeiten zum Baden im Sommer, ausgenommen in der Enns. Daher konnte auch niemand schwimmen. Ich lernte das erst mit 16 Jahren, als ich wieder in Linz zur Schule ging. Manche Kinder wuschen sich den Körper in Holzbottichen, andere hatten nicht einmal das. Verdreckte Kinder waren allgegenwärtig. Die Mütter, die oft viele Kinder zu versorgen hatten, waren dran interessiert, dass sich die Buben und Mädchen beim Spielen im Freien wenigstens die Kleidung nicht schmutzig machten. Es gab aber keine Alternative dazu.  Spielzeug hatten die Wenigsten. Man spielte, wenn man nicht gerade in der Landwirtschaft aushelfen musste, im Wald: Indianerspiele, Räuber und Gendarm, Baumhäuser bauen etc.  Weit außerhalb des Ortsgebietes liefen Bauernkinder daher oft komplett nackt im Wald herum, übersät mit Zecken und kleinen Blessuren. Ich habe nie gehört dass jemand davon krank wurde. FSME oder Borreliose kannte man damals nicht.

Ich habe mit Oma und Opa damals oft Bauerhäuser aufgesucht, vor allem sogenannte „Kleinhäusler“, die keine Knechte und Mägde hatten. Die Kinder hatten wenig zu essen, denn Fleisch, Speck, Schmalz, Butter und Käse wurde zum Großteil genutzt, um andere lebenswichtigen Güter einzutauschen. Der Misthaufen war zentraler Bestandteil; die strohgedeckten Häuser waren herum gebaut. Es stank fürchterlich, das Vieh war total verdreckt. Trat man in die  sog. „Bauernstube” ein (das Wohnzimmer), fielen einem als Erstes die vielen Fliegenfänger und Ungeziefer auf. Die Wände waren bedeckt mit Madonnen- und Heiligenbilder, Rosenkränzen und Kruzifixen. Da und dort wurde gejammert und gebetet, denn viele Väter und Söhne starben im Krieg oder waren vermißt. Vielerorts gab es eine sogenannte „Rauchkuchl”. Das war eine Küche, auf der mit offenem Feuer(!) gekocht wurde. Zum Essen versammelte sich die Familie um einen zentralen Topf, in dem die Speise (meist Haferbrei, Sterz etc.) aufbereitet wurde. Daraus aß jeder mit einem Löffel, den man aus einem Fach unterhalb des Tisches hervorholte, nach dem Essen abwischte und dort wieder hinlegte. Teller gab es keines. Die Art der Landwirtschaft war in heutigem Sinne absolut „bio“. Nur wenige Bauern hatten schon Traktoren. Alles wurde mit Pferden erledigt. Kunstdünger verwendete man erst ab den 50er-Jahren, Spritzmittel überhaupt nicht. Die Wälder bestanden zum größten Teil aus Mischwald, es gab viele Pilze und Beeren, die Wiesen waren im Sommer voll mit allen Arten von Schmetterlingen, Grillen und Heuschrecken, und wenn man nachts ging, sah man unzählige Glühwürmchen. Die Milchstraße bot einen überwältigenden Anblick.

Trotz aller Not und Entbehrungen war die Ausgelassenheit und das Toben der Kinder damals unvergleichlich. Das begann schon beim Laufen zur Schule und setzte ich fort in den Pausen in den Klassenzimmern. Auch wurden die unglaublichsten Streiche gespielt. Die Lehrer hatten alle Hände voll zu tun um die Kinder zu bremsen. Am Ärgsten war es nach jedem Schulschluss. Ich habe nie in meinem Leben jemals so fröhliche Kinder gesehen wie damals.

Man beschäftigte sich als Kind viel mit dem eigenen Körper oder mit dem der Geschwister. Womit sollte man sich denn als Volksschüler befassen, wenn es weder Spielsachen, noch Fernseher, noch Kinderbücher, noch Roller oder Kinderfahrräder gibt, von Elektronik ganz zu schweigen? Dinge, die für uns heute ganz selbstverständlich sind? Ein Bekannter sagte mir einmal: „Unser einziges Spielzeug waren unsere Zehen“.

So kam es logischerweise zu Verhaltensweisen, vor allem zwischen größeren und kleineren Kindern, die uns heute unverständlich, ja widerlich sind. Es gab „Doktorspiele“, es kam zum ” Ausgreifen“ und leider auch zu Schlimmerem.  Vor allem in Kinderheimen. Nie wurde dabei Gewalt angewandt. Die Kinder empfanden da nichts Schlechtes dabei, sie waren auch nicht über Sexualität aufgeklärt. Wurden sie größer, wussten sie mit aufkeimenden sexuellen Gefühlen nichts anzufangen. Eine erste Regelblutung oder ein erster Samenerguss löste ein Trauma aus. Aus dem Religionsunterricht wussten sie nur, dass es so was wie Unkeuschheit gibt, und dass dies mit solchen Dinge zu tun hatte. Die Kinder wurden von den Pfarrern oder Religionslehrern aufgefordert, ihre „Sünden“ zu beichten, bekamen eine „Buße“ auferlegt, und damit hatte sich das. Mit 14 wussten die wenigsten Kinder, was „Homosexualität“ überhaupt ist. Auch das gab es:  Manche 15-jährigen Mädchen glaubten tatsächlich, Kinder bekomme man vom Küssen. Wurden sie aufgeklärt, hatten sie womöglich ihr Leben lang Scham und Scheu vor dem anderen Geschlecht, und gingen ins Kloster.

Soweit ich mich zurück erinnere, glaube ich,  dass damals eine riesige Kluft zwischen „Kind sein“ und „Erwachsener sein“ herrschte. Unvergleichlich zu heute. Einem Erwachsenen standen kraft überlieferter gesellschaftlichen Konventionen keinerlei Arten irgendeiner kindgemäßen Verhaltensweise zu.  Umgekehrt natürlich auch nicht. Mit dem Einsetzen der Pubertät und dem Übergang beim Verlassen der Schule wurde man sofort in eine völlig neue Welt geworfen.

Die Unerfahrenheit und mangelnde sexuelle Aufklärung wurde leider in der bäuerlichen Bevölkerung ausgenützt. Es gab viele ledige Kinder der Mägde. Selten kam es zu gewaltsamen sexuellen Übergriffen. Allein der leiseste Verdacht hätte eine Lawine an Gerüchten im Dorf los getreten und dazu geführt, dass der Betreffende für sein Leben lang geächtet worden wäre.  Bei offenen Vergewaltigungen, von denen man gegenwärtig liest, wäre es gar nicht mehr zur Verhaftung und zum Prozess gekommen. Damals kam es bei schweren Verbrechen vielerorts zu Lynchjustiz, wovon keiner mehr weiß. Die Gendarmerie (der Vorläufer der heutigen Polizei) konnte man ja nicht einfach anrufen wie heute. Daher wurde vieles in Eigenregie erledigt. Telefon gab es nur im Gemeindeamt und in wenigen Gebäuden. Überraschenderweise gab es aber damals trotz unzähliger Flüchtlinge relativ wenig Kriminalität in Österreich, vor allem am Land. Höchstens kam es zu Raufereien in  Wirtshäusern…

Es geht aufwärts…

Wie ich schon schrieb, gab es relativ wenige Freundschaften zwischen Dorfkindern und Bauernkindern. Ich selber galt als „Exote“. Dennoch kam ich gut mit allen Buben aus. Mit dem anderen Geschlecht Freundschaften zu haben, galt im Ort selbst für kleine Kinder als unstatthaft.  Ich durfte nicht einmal mit einem Mädchen aus der Nachbarschaft beim Gartenzaun spielen. Meine Oma suchte das zu unterbinden.

Bereits im Alter von 4 Jahren brachten mir Tanten und Großeltern das Alphabet bei, und noch vor dem Schuleintritt konnte ich fließend lesen. Ich begann dann alle Truhen und Schränke zu durchforsten und alles zu studieren was mir in die Hände fiel. Das gehörte zum Großteil meinem Vater, der vor dem Krieg das damals seltene Privileg genoss, in Steyr das Gymnasium zu besuchen. Und das war gewaltig viel. Postkarten, Briefe, Merian-Hefte, alte Kalender, Zeitungen, Jahrbücher, Rechenbücher, Atlasse, klassische Literatur – alles wurde von mir eingehend geprüft und studiert. Meine Großeltern besaßen einen alten Radioempfänger aus den 30ern. Der machte mich neugierig auf die Welt „draußen“. Wann immer möglich, saß ich davor und hörte Nachrichten, Sport, Schlagersendungen, Wunschkonzerte, Jazz, politische Ansprachen usw.  Mit 8 Jahren kannte ich alle damals namhaften Politiker, und wusste beispielsweise, wie viele Kommunisten im österreichischen Parlament sitzen,  oder wie der neue englische Außenminister heißt. Ich kannte alle Länder am Globus und brachte die Lehrkräfte mit meinen geografischen Kentnisse ins Staunen.

Mit der Zeit bekam ich auch immer mehr Spielsachen, die mir mein Vater, der inzwischen Beamter geworden war, bei seinen monatlichen Besuchen aus der Stadt mitbrachte. Ab 1950 gab es immer mehr zu kaufen. Die Lebensmittelkarten waren auch abgeschafft worden. Ich erhielt Kinderzeitschriften, Brettspiele, einen Holzbaukasten, später einen Metallbaukasten, und begann zu basteln, was das Zeug hielt. Ich erinnere mich daran, wie ich mit 9 Jahren eine Seilbahn baute, die quer über das Wohnzimmer lief. Die gesamte Schulklasse  kam, um sich voller Neid das Wunderwerk anzuschauen.

Auch das sportliche Angebot wurde größer. Wir durften auf einem neu errichteten Sportplatz Fußball spielen. Zwar hatten wir weder Lederball, noch Fußballschuhe, noch Leibchen oder Hosen; aber die Lederhose allein und ein Gummi- oder Fetzenball tat es auch. Später, ich glaube so mit 10 Jahren, bekam ich sogar Ski. Mein Opa fertigte mir dazu klobige Schnürschuhe, die man mit einer vorsintflutlichen Bindung dran befestigen konnte. Einen Anorak kannte ich nicht. Man fuhr damals immer im Pullover. Auch Lifts waren unbekannt. Man musste alle Hänge zu Fuß rauf.

Mit Ende der vierten Volksschulklasse änderte sich das Leben für mich dramatisch. Als einer der Wenigen war es mir „vergönnt“, die Hauptschule in einem entfernten größeren Ort besuchen zu können. Fortan hieß es, eine Stunde früher auf zu stehen, zum Bahnhof zu laufen und den Zug zu besteigen. Die Zugfahrt dauerte eine knappe Stunde; es gab viele Haltestellen, wo Schüler und Arbeiter aus- oder zustiegen. In der Hauptschule war alles anders. Wenn ich während der Fahrt um 7 Uhr früh aus den schmutzigen Fenstern der Waggons blickte, sah ich meine früheren Schulkollegen oft bei ihrem Schulgang im Herbst, wenn der Raureif alle Wiesen und Felder bedeckte. Im Zug die Wärme, die langen Hosen, die neuen Schuhe, die Mütze und die neue Schultasche; draußen die Barfüssigkeit, die Armut, der schwere klobige Schulranzen. Und ob es der Leser glaubt oder nicht: ein bisschen überkam mich die Wehmut. Ich hatte Sehnsucht nach der Volksschulzeit und den alten Schulkameraden. Das passiert auch heute noch, wo ich diese Zeilen schreibe. Ich habe ein paar Tränen zerdrückt. Auch wenn jeder Leser fassungslos den Kopf schütteln wird: Gäbe es eine Zeitmaschine, ich wüsste, wohin ich damit reisen würde…

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